To the students – Anarchismus und Studenten

Die Idee für diesen Artikel kam mir vor ein paar Jahren als ich mit einem Genossen sprach. Wir redeten über die gegenwärtige Situation der anarchistischen und sozialistischen Bewegung in seinem Land, und er wies darauf hin, dass Studierende auf lange Sicht tatsächlich ein konterrevolutionärer Teil der Gesellschaft seien könnten. Die Person, die dies sagte, war nicht erst seit gestern Anarchist, sondern ein Genosse, der schon jahrelang für revolutionäre Ideale kämpfte. Einer der Hauptpunkte unserer Diskussion war der Hintergrund der Schüler*innen, die sich in den Kampf einbringen wollen – dies sind vor allem Menschen aus finanziell gut situierten Familien, die in ihrem Leben kaum Probleme haben. Die meisten von euch arbeiten um das Taschengeld aufzubessern, aber für euren Lebensunterhalt ist bis zum Ende der Universität gesorgt. Natürlich gibt es Ausnahmen, so diejenigen, die die erste Generation von Studierenden in ihren Familien sind, jedoch handelt es sich um Ausnahmen in der linken und anarchistischen Bewegung. Abgesehen von dieser Entfernung zu den schwerwiegenden wirtschaftlichen oder sozialen Problemen schlechter gestellter Menschen habt ihr einen einfachen Einstieg und einen einfachen Ausweg aus sozialen Kämpfen – falls ihr eure derzeitige Gruppe, euer Kollektiv oder eure Organisation aufgebt, hat dies wenig Konsequenzen. Gleichzeitig mit dieser Thematik kommt das Problem der kurzen Aufmerksamkeitsspanne einher – als Student*in kannst du dich schnell einer heißen Thematik widmen, sobald sie aufpoppt und ebenso schnell zu einer anderen wechseln. Das ist die im Studium gelernte Arbeitsweise.

Leider hatten wir nicht genug Zeit für eine tiefere Diskussion, aber dieses Gespräch brachte mich dazu mich weiter mit dem Thema zu beschäftigen, obwohl ich es nie schaffte das Gespräch mit meinem Freund weiterzuführen. Die Ironie dabei ist, dass er in Erwägung zog noch mehrere weitere Jahre zu studieren (in seinem Alter würde er eher als Professor durchgehen als als Student).

Einerseits spielten Student*innen im 20. und 21. Jahrhunderten eine recht wichtige Rolle in sozialen Aufständen. In einigen Ländern waren sie der Funke, der die Zerstörung autoritärer Regime auslöste oder wichtige soziale Probleme in den Blickpunkt rückte. Die Geschichte des Kampfes für die antiautoritäre Gesellschaft ist voller Geschichten über Student*innenbewegungen in den 60er Jahren! Brennende Barrikaden, Generalstreik, Besetzungen von Universitäten und Fabriken – all das war die beinahe Revolution der industrialisierten Welt.

Nachdem wir sinnbildlich durch diese Proteste gelaufen sind, befinden wir uns im Meer der Bitterkeit, wo ehemalige Demonstrant*innen zu einer neuen Generation von Machthaber*innen wurden, die manchmal konservative Werte anwenden, die mit denen konkurrieren, gegen die sie an einstiger Stelle kämpften. Dieser Teil ist für mich viel wichtiger, da die Geschichte der studentischen Beteiligung an den Protesten gut dokumentiert ist. Ich kenne das auch aus meiner eigenen Erfahrung, viele gute Freund*innen lebten ihr Leben weiter als gäbe es keine Probleme mehr in der Welt und entfernten sich vom politischen Aktivismus.
Natürlich gibt es auch andere Menschen – diejenigen, die den sozialen Kampf zu ihrem Hauptziel gemacht haben, aber diese stehen nicht im Mittelpunkt dieses Textes.

Wenn ihr euch dafür entscheidet, lange genug in der anarchistischen Bewegung zu bleiben, werdet ihr feststellen, dass ein großer Teil davon (wenn nicht der größte Teil) tatsächlich aus Studierenden besteht. Ich spreche nicht über Jugendliche im Allgemeinen, sondern über einen bestimmten Teil der Jugend, der die Möglichkeit hatte, nach der Schule einen Abschluss zu erhalten. Diejenigen der Arbeiter*innenklasse, die direkt nach der Schule arbeiten gegangen sind, nehmen selten teil. Und diese Dynamik ist in ganz Europa weit verbreitet.

Historisch gesehen war die anarchistische Bewegung ein anderes Biest – lest die Memoiren von Emma Goldman und ihr werdet den radikalen Unterschied erkennen. Die moderne linke und anarchistische Kultur baute sich um Student*innen und Schüler*innen gegen die ältere Bewegung auf, in deren Mittelpunkt Arbeiter*innen standen. Strukturen, Ereignisse und Leben der Revolutionär*innen waren um den Begriff der Arbeit herum organisiert. Sie waren größtenteils Arbeiter*innen und machten daher Dinge, die in ihren engen Zeitplan passten (vergesst nicht, dass der Kapitalismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich mehr Arbeitszeit und Zeit im Umfeld der Arbeit forderte als heute). Heute hat sich dies geändert, und es ist als arbeitender Mensch schwierig, sich in den modernen Kampf einzufügen, der sich um Parteien und ständig wechselnde Themen dreht. Die kurze Aufmerksamkeitsspanne ist eine weitere wahre Geschichte der modernen revolutionären Bewegung. Ich denke, das beste Beispiel der letzten Jahre dafür war die sogenannte “Flüchtlingskrise” in Europa. Für einen kurzen Moment schlossen sich viele Menschen aus Unterstützungsgruppen verschiedenen Initiativen an, um den Geflüchteten zu helfen, die in das Land kamen – Hilfe bei Sprachkursen, einfache Kommunikation, der Umgang mit Rassismus. Aber auch Protestaktionen zusammen mit Refugees, zu den Themen staatliche Unterdrückung und ungerechte Migrationspolitik, wurden organisiert. Einige Jahre später sind die meisten, der an dem Kampf beteiligten Menschen, verschwunden, die Situation der Geflüchtetenrechte verschlechtert sich. Einige Migrant*innengruppen protestieren, aber der Protest scheint keinen großen Stellenwert in der Gesellschaft zu haben. Es dauerte vielleicht ein Jahr, bis die Linken und Anarchist*innen von einem anderen Thema, das von einem anderen Thema überholt wurde, eingenommen waren, und es scheint, dass dieses Goldfischverhalten in der revolutionären Bewegung kein Ende findet.

Und ich stimme zu, dass dies aufgrund der privilegierten Position dieser heute in der anarchistischen Bewegung organisierten Studierenden möglich ist: Es wäre ziemlich schwierig, die Frage des Rassismus aufzugeben, wenn mensch direkt davon betroffen wäre, aber für den durchschnittliche weißen Deutschen ist die Möglichkeit, Rassismus zu erleben, minimal. Ihr könnt also zu einem anderen Thema wechseln, da es nicht um eure Probleme ging und ihr auch hier und jetzt nicht betroffen seid. So bleiben die Menschen mit ihren eigenen Problemen zurück, während sich die revolutionäre Aufmerksamkeit auf etwas anderes verlagert hat.
Studierende, die mit Anarchist*innen oder in antiautoritären linken Gruppen organisiert sind, sind engagierte Gefährt*innen: Sie laufen in den ersten Reihen der Proteste, sie nehmen Aufgaben wahr, die für die Entwicklung der Bewegung von entscheidender Bedeutung sind, sie kämpfen, als ob sie es auch so meinen. Viele von ihnen sind einfach erstaunliche Menschen, die eine wirklich revolutionäre Moral haben!

Zu diesem Engagement kommt jedoch oft Arroganz hinzu. Schließlich macht ihr als Aktivist*innen einen Unterschied. Ihr beteiligt euch an einem dieser anarchistischen Kollektive oder an Organisationen, die erfahren haben, was Zusammenarbeit und Solidarität sind, richtig? Ihr beeinflusst politische Prozesse in eurer Stadt, Region oder eurem Land. Aber es ist immer noch nicht genug um wirklich was zu bewegen und mensch merkt, dass der für dich so wichtige Kampf für die Menschen in deiner Umgebung nicht derselbe ist. Nimm Klimawandel, Kapitalismus, Rassismus, Autoritarismus – alles ist nicht in der Lage, die Massen auf die Barrikaden zu bringen. Als Konsequenz seht ihr die Menschen von oben herab an. Die Massen sind die einfachen Bauern*Bäuerinnen, die die Welt nicht verstehen. Oder gleich: Sie sind rassistische Mistkerle, die bekommen, was sie verdienen, wenn sie sich nicht engagieren wollen.

Und diese Arroganz findet neben solchen Werten wie Solidarität, Mitgefühl, Liebe, ihren Platz. Die letzten werden jedoch nicht der Gesellschaft gegeben, sondern den Menschen in euren eigenen Kreisen. Das sind die, die dein Mitleid bekommen. Diejenigen, die mit Vorurteilen im Herzen leben, verdienen nur Aggression.
Aktivismus hält für viele jedoch eh nicht lange vor. Wartet, bis du mit dem Studium fertig bist und deinen ersten Job bekommst. Hier kommt die erste Herausforderung für viele politisch aktive Studierende – mangelnde Freizeit wird eure Gewohnheiten in Frage stellen. Ihr seht euch zwangsläufig konfrontiert mit der Frage, was für euch wichtiger ist und welchen Teil eures Student*innenlebens ihr behalten könnt. Leider gehen zu diesem Zeitpunkt viele der ehemaligen Studierenden den gleichen Weg, wie die meisten Menschen vor ihnen.
Wir stehen also einige Jahre später, nachdem wir uns dem Kampf gegen den Klimawandel anschlossen haben, immer noch vor ungelösten Fragen der modernen Generationen, die zum Ende der Menschheit führen können und kämpfen deshalb weiter für deren Bearbeitung. Das ist extrem wichtig! Doch langsam beginnt der Kapitalismus Tag für Tag, uns zu töten. Die rebellischen Eigenschaften, die im Bildungssystem nicht zerstört werden konnten, werden durch die Erschöpfung durch die Beschäftigung und den Alltag zerstört. Und ihr werdet feststellen, wie schnell ihr am Ende die unpolitischen Personen geworden seid, auf die ihr damals noch von oben verächtlich herab geblickt hatten. Und die Ironie wird da sein, dass die neue Generation eine Revolution fordert, während ihr keine Zeit dafür habt, weil es wichtigere Dinge gibt.

Die moderne westliche Lebensweise hat Generationen von Revolutionär*innen zerstört. Ich spreche nicht von direkten Verdrängungen, Haftstrafen und Verlusten in ihrem Leben. Ich meine damit die Macht über die Welt. Sie investieren Kraft zum Reisen, Kraft zum Einkaufen, so viel sie wollen, Kraft, um den Rest des Planeten zu besitzen. Und viele von uns verwenden diese Kraftreserven plötzlich für solche Dinge und vergessen unsere Ideale von gestern.

Macht das Verhalten dieser Generationen von Aktivist*innen, die ihren Kampf nach der Universität aufgegeben haben, zu schlechten Menschen? Das glaube ich nicht. Heute zogen sie weiter, aber morgen könnten sie wieder da sein, wenn die Versprechen der kapitalistischen Welt gebrochen wurden. Hatte mein anarchistischer Genosse Recht, dass Student*innen unter den Revolutionär*innen konterrevolutionär sind? Auch das glaube ich nicht.
Was ist also der Punkt? Wird dieser Kreis des politischen Aktivismus für immer andauern und wir haben wenig Macht darüber? Seid nicht verzweifelt! Dieser Text weist nur auf eines der Probleme unserer Organisation und Interaktion miteinander hin. Ein Problem, das direkt mit euch zusammenhängt in verschiedenster Weise. Was werdet ihr also tun, wenn die kapitalistische Ausbeutung wirklich einsetzt?

Vielleicht denkt ihr arrogant, dass ihr etwas Besonderes seid und die, die aufgegeben haben, nur schwach sind, aber dies ist bereits der erste Schritt zum Scheitern. In der revolutionären Bewegung sollte kein Raum für Arroganz sein. Niemand hier ist besser oder schlechter. Wenn ihr denkt, dass ihr eine besonderere Schneeflocke seid als die neben euch und ihr deshalb nicht denselben Weg fliegen werdet, wird sich nie etwas ändern.

Setzt euch stattdessen für einen Moment hin und schaut euch euer Leben an. Überlegt, was für euch in diesem Leben wirklich wichtig ist. Beginnt damit, die Dinge zu sortieren, bevor es zu spät ist. Der Kapitalismus ist ein wildes Tier, das einen Teil des Lebens, der Ressourcen der Arbeiter*innen einfordert. Es liegt an euch, liebe Studierende, zu entscheiden, was genau ihr für die Zukunft aufgeben werdet.

2 Gedanken zu „To the students – Anarchismus und Studenten“

  1. Guter Text! Wichtiges Thema für alle anarchistischen syndikalistischen Gruppen!
    Der bürgerliche Bildungsbetrieb muss genauso wie die bürgerliche Wirtschaftsordnung durch klassenlose Organisationen ersetzt werden.
    Die Rolle als Arbeitende und die Rolle als Lernende müssen integriert werden in freie Menschen, die sich bewusst sind, zeitlebens zu lernen und zu lehren und dementsprechend offen und mit den Lebensbereichen verwoben müssen auch die Bildungsorganisationen sein.
    Lernen, Lehren und Arbeiten darf kein Widerspruch mehr sein: Die Verschmelzung von Arbeitenden und Forschenden würde die Epoche der geistlosen Lohnsklaverei beenden und eine Epoche umseitig gebildeter Menschen in Freiheit und Aufgeklärtsein nach sich ziehen – politische Religion kann nur dort grassieren, wo die Menschen geistig unmündig leben und sich daran gewöhnt haben, dass Politiker, Pfaffen, Professoren das Denken für sie übernommen haben.
    Anarchisten Syndikalisten müssen doch eines klar sehen: Wie sie eine föderalistische Wirtschaftsstruktur dem Kapitalismus entgegenstellen, so müssen sie auch eine ebenso mit den Bedürfnissen der Gesellschaft verwobene Forschungsstruktur aufbauen – die ihren Teil zum Abbau der Klassengegensätze beiträgt.
    Die bürgerliche Universität mit ihren vergeistigten Intellektuellen und ihrer Heranzüchtung der nächsten Kapitalistengeneration darf in einer freien Gesellschaft keine Kontinuität darstellen.
    Heute ist alles zerteilt: Die Menschen untereinander, Politik, Wirtschaft, Bildung – alles ist in dem Millionenbetrieb der Nation zerfasert und unüberblickbar – unser Ziel muss sein, diese ganzen von einander entfremdeten Lebensbereiche wieder zu integrieren – aber nicht im zentralistischen Apparat der Nation, sondern auf Basis des Föderalismus, ähnlich wie die wirtschaftlichen Organisationen des Syndikalismus, die wir bspw. im Buch von Barwich skizziert finden.
    Anarchistische Studenten und Studentinnen müssen sich bewusst sein, dass ihr Kampf genauso gegen die Universität gerichtet ist, wie der Kampf der Arbeiter und Arbeiterinnen gegen den Kapitalisten.
    Beide kämpfen für eine klassenlose Gesellschaft in der ihre Organisationen wieder zusammenfinden zum Wohl der Gesellschaft und wieder mit dem Bedürfniss der Menschen verknüpft sind.

    Bei Youtube schreiben die Leute immer unter die Videos: „Mach mal was zu xyz“ So ähnlich schlage ich vor, das Thema zu erweitern und noch einen Artikel dazu zu verfassen, wie man sich eine klassenlose Bildungsorganisation im Gegensatz zur bürgerlichen Universität aus anarchistischer Perspektive vorstellt.
    Es geht ja nicht nur um die Inhalte und der Rest kann so bleiben – es geht ja auch um die Stellung der Uni in der Gesellschaft und wie sie durch Selektion die sozialen Klassen festigt. Und um Zentralismus.
    Vielleicht fällt euch ein gutes Model ein, ähnlich den Arbeiterbörsen des Syndikalismus, der Föderalismus der AS Gewerkschaften usw. Das könnte hier unter den Augen vieler Menschen entwickelt werden und dann wenn sich was gutes herauskristallisiert, könnte es bei ASJ, FAU, FDA, Gai Dao, DA usw. diskutiert werden. Vielleicht entsteht ja mal eine anarchistische Bildungsinitiative von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung? Wer weiß!

  2. „Genosse(n)“!? Ist das hier 1 Kommieblog oder was? Meine Mitkämpfenden nenne ich Freunde – Genossen verraten einen (check out some history).

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