Community Accountability – Gemeinschaftliche Verantwortungsübernahme

Warum reden wir überhaupt darüber?

Wir leben in einer Gemeinschaft mit anderen Menschen. Menschen machen Fehler und es entstehen soziale Konflikte. Das passiert in der gesamten Gesellschaft, aber auch in kleinen von uns gewählten Zusammenhängen, sei es im Freund*innenkreis, der Liebesbeziehung oder der Politgruppe. Unsere Gesellschaft reagiert auf diese Fehler meist mit einer Strafe, welche bis zum gesellschaftlichen Ausschluss in Form von Knast führen kann. Was damit nicht gelöst wird, sind soziale Konflikte, es findet keine Reflexion über das Verhalten statt. Wenn es zu Grenzüberschreitungen kommt und Menschen Leid zugefügt wird, erfahren sie im Strafsystem meist keine Hilfe oder Unterstützung, sondern in vielen Fällen noch mehr Leid.

Um diese Vorgehensweise zu durchbrechen, finden wir es wichtig alternative Formen zu diskutieren, wie soziale Konflikte angegangen werden können. Deshalb möchten wir euch in diesem Text das Konzept von Community Accountability (CA) – Gemeinschaftliche Verantwortungsübernahme sowie Schwierigkeiten und Probleme damit kurz vorstellen.

Gemeinschaftliche Verantwortungsübernahme – Das Konzept

Das Konzept Gemeinschaftliche Verantwortungsübernahme kommt aus den Black Communities in den USA. Bei Konflikten innerhalb der Community sorgt das Einbeziehen der Polizei oft für noch größere Probleme. Es mussten Alternativen gefunden werden, um soziale Konflikte ohne staatliche Institutionen zu lösen. Zentrales Moment dabei ist, dass Menschen, die Leid verursachen, nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, sondern nach den Gründen für ihr Handeln gesucht wird und Wege gefunden werden, die dabei helfen, dieses Handeln in Zukunft zu verhindern. Der zweite wichtige Aspekt ist die Unterstützung des betroffenen Menschen. Auf unseren Kontext übertragen heißt das, dass wir einen Ausschluss von Menschen aus der linksradikalen Szene und gewissen Orten verhindern wollen sowie den Leid erfahrenen Menschen unterstützen möchten.

Was bedeutet das im Einzelnen?

Auf der einen Seite geht es darum, die betroffene Person dahingehend zu unterstützen, dass sie wieder ein normales Leben führen kann, denn oft gehen gewaltvolle Verhaltensweisen mit psychischen Folgen einher. Dazu sind erste Absprachen zum Umgang miteinander notwendig. Außerdem braucht es meist direkte Hilfen im Alltag und Empowerment, um aus der passiven Opferrolle herauszukommen. Diese Unterstützungsarbeit kommt sonst meist aus dem nahen Umfeld der betroffenen Menschen heraus und ist Teil von emotionaler Care-Arbeit, die unsichtbar und oft vergeschlechtlicht ist und als nicht aktivistisch anerkannt wird. Auch das wollen wir aufbrechen, denn Konflikte, deren Ursachen überwiegend im Strukturellen liegen, sollten nicht einzig undallein in privaten Kontexten besprochen werden. So soll verhindert werden, dass diese Arbeit immer von denselben Menschen übernommen wird. Es findet zudem eine breitere Auseinandersetzung mit den Konfliktthemen statt. Konkret bedeutet das, dass neben dem direkten Freund*innenkreis auch andere Menschen die betroffene Person aktiv unterstützen können und sollten.

Auf der anderen Seite geht es darum, die Gewalt ausübende Person in ihrem Reflexionsprozess zu unterstützen. Ein wichtiger Aspekt davon ist die Verhaltensreflexion und die Suche nach alternativen Mustern. Person und Verhalten werden in der Auseinandersetzung getrennt. Nicht die Person ist grenzüberschreitend, sondern ihr Verhalten. Dies wird ihr gespiegelt, kritisiert und gemeinsam reflektiert, um eine Verhaltensänderung zu ermöglichen und einen Ausschluss zu vermeiden. Dazu gibt es im Idealfall jeweils eine Gruppe, die die Person, die Leid erfahren hat und die Person, die Leid verursacht hat in ihrem Prozess begleiten und zwischen denen ein inhaltlicher Austausch stattfindet. Eine dritte Gruppe ist hilfreich, um zwischen den beiden Unterstützer*innengruppen zu vermitteln und ihnen kritisches Feedback zu geben. Hier bietet sich außerdem die Möglichkeit theoretische Grundlagen zu diskutieren, auf denen die Unterstützungsarbeit aufbaut.

Verantwortungsübernahme – was bedeutet das eigentlich?

Tatsächlich klingt Verantwortung übernehmen leichter als es eigentlich ist. Es heißt mehr, als festzustellen, dass irgendwas nicht so gut gelaufen ist. Es geht darum die eigene Rolle im Konflikt zu reflektieren und daraus Konsequenzen zu ziehen. Also nicht einfach abzuwarten, bis sich Konfliktmuster wiederholen, sondern sich aktiv gegen Grenzüberschreitungen einzusetzen und diese wenn möglich zu verhindern.

Verantwortungsübernahme kann für Menschen unterschiedliche Dinge bedeuten. Ein erster Schritt ist die eigene bewusste Auseinandersetzung auf theoretischer und praktischer Ebene. Dabei sollten sich unter anderem folgende Fragen gestellt werden: Wo habe ich selbst gewaltvolle Verhaltensweisen gezeigt? Wo beobachte ich Machtstrukturen und Gewalt und handle nicht dagegen? Wo spreche ich Menschen ihre Gewalterfahrungen ab? Wo reproduziere ich durch mein (Nicht-)Handeln oder meine Worte Machtstrukturen und schaffe damit einen Rahmen, in dem Gewalt möglich wird? Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten und ein innerer Prozess zu den Themen bedarf viel Mut und Anstrengung. Deswegen lohnt es sich, ihn auch nach außen zu tragen und in Handlungen münden zu lassen. Das können zum Beispiel ganz konkrete Unterstützungsarbeit für betroffene Menschen auf verschiedenen Ebenen, die Aufklärung im eigenen Umfeld, Gespräche über kritische Männlichkeit* und weißsein* sein. Es kann auch der Versuch sein, anderen Menschen, die in dieser Gesellschaft weniger privilegiert sind, bewusst Raum zu geben und zu schauen, wie sich das anfühlt.

Es lohnt sich: Denn es ist wichtig Alternativen zu bestehenden Systemen und dem Umgang mit sozialen Problemen zu diskutieren und zu verinnerlichen. Wir brauchen Strategien um Konflikte zu lösen. Denn nur so können wir ein Straf- und Knastsystem überwinden, das Probleme nicht löst, sondern nur weg sperrt, betroffene Menschen demütigt und nicht darin unterstützt, erfahrenes Leid zu überwinden. Es geht darum, privates auch praktisch wieder als politisch zu begreifen, danach zu handeln und Probleme gemeinsam zu lösen.

Linktipps:

transformation.blogsport.de
www.transformativejustice.eu

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